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Schwerdaten - Experimente zur Informationsgesellschaft, Theorieprojekt/Konzeptkunst,
INM Institut für Neue Medien Frankfurt 1998 / khm Kunsthochschule für Medien Köln 2009
von Gabriele Gramelsberger



Datencyclotron - Kritische Forschung zur Materialität des Datenuniversums
Seminar KMW (lab 3), Gabriele Gramelsberger, Georg Trogemann, Mathias Antelfinger, Ute Hörner, Echo Ho, Lasse Scherfig, KHM Kunsthochschule für Medien Köln, Sommersemester 2009 bis Sommersemester 2010

Die Virtualität des Datenuniversums täuscht leicht darüber hinweg, dass sich dahinter eine handfeste 'Schwerindustrie' von Supercomputern, Datenleitungen und Peripheriegeräten verbirgt. Diese eigentümliche Ambivalenz von Schwere und Schwerelosigkeit, von Materialität und Dematerialisierung, von Hardware und Software ist Thema des Seminars. Es wird die Konsistenz, Materialität und Mechanik des Datenuniversums theoretisch und künstlerisch erforscht. Dabei spielt die Methapher des 'Datencyclotrons' eine tragende Rolle. Ein 'Datencyclotron' entsteht, wenn man die üblicherweise in Netzen organisierten Datenleitung zu einem Ring zusammenschließt, um damit die Daten zu beschleunigen und aufeinanderprallen zu lassen. Mit der Beschleunigung von Daten könnten 'superschwerer Bits' entstehen, deren Anwendungspotenzial in einer neuen Ära der 'Schwer(daten)industrie' läge. Daher sind erste Erfahrungen im Design eines 'Datencyclotrons', in der Erforschung der Datenkonsistenz, der Materialität und Mechanik der Datenflüsse, der Verlagerung und Automatisierung von Schwerarbeit in Algorithmen, etc. interessant.

Ziel des Seminars ist es, einen experimentellen Umgang mit Theorieansätzen zur Materialität des Datenuniversums zu entwickeln und in künstlerisch-theoretischen Arbeiten umzusetzen. 'Schwerdatenforschung' und 'Datencyclotron' dienen als inspirierende und ironisch-subversive Metaphern für die theoretisch-künstlerische Auseinandersetzung mit dem expandierenden Datenuniversum. Das Seminar dient auch der Vorbereitung von Projekten zur ISEA 2010.

- Seminar, KHM Köln, 2009 - 2010
- Ausstellung der KHM Köln zur ISEA 2010, August 2010
- off topic 2010 "beschweren", August 2010



1. Symposium zur Schwerdatenforschung
INM-Institut für Neue Medien Frankfurt, 14.11.1998,
im Rahmen der Institutsausstellung »salon vireal

14. November 1998, 10:00 - 18: 00h

- "Zum Stand der Forschung", Gabriele Gramelsberger, INM Frankfurt
- "Size does matter!", Martin Warnke, Universität Lüneburg
- "Daten-Dadaismus", Frieder Nake, Universität Bremen
- "v-real data", Michael Klein, INM Frankfurt
- "Bemerkungen zur Schwerdatenforschung", Otto E. Rössler, Universität Tübingen
- "Theoretische Konzepte und Erfahrungen im experimentellen Reaktor-Betrieb", Hartmut Winkler, GH Paderborn
- "Winzline aller Etagen vereinigt Euch!", Thomas Bayrle, Städelschule Frankfurt
- "Eine Methode wie man Rauschen und Deterministik trennen kann", Joachim Peinke, Universität Oldenburg

Konzeption: Gabriele Gramelsberger, INM Frankfurt 1998


Zum Stand der Forschung
Vom mechanistischen gelangen wir nun zum informationstheoretischen Weltbild. Das Datenuniversum dehnt sich mit ungeheurer Geschwindigkeit aus und die Folgen sind unabsehbar. Das führt zur Intensivierung der Forschungsbemühungen nach dem Urstoff der virtuellen Welten und seiner informativen Konsistenz. Datenbeschleunigung oder kalte Bit-Fusion?

Grundlegenden Fragen
Datenforscher beschäftigen sich sowohl mit den kleinsten Dateneinheiten als auch mit Fragen nach den Eigenschaften des Datenuniversums:
- Was sind Schwerdaten? Die Einführung von TCP/IP verweist auf die Existenz konstanter Cluster von Dateneinheiten, sog. Datenpakete. Entsprechend den Prüfsummen-Werten kann eine Klassifizierung vorgenommen werden. Diese Klassifizierung könnte sich als Standard der Datenforschung etablieren. Die Frage, die sich die Forscher hier stellen, zielt auf die Stabilität der angereicherten Informationskerne ab. Ab wann wird ein Informationskern instabil? Welche Halbwertszeiten gelten und welche Emissionsteilchen entstehen? Welche Relationen zwischen Bits, Daten und Informationen bestehen?
- Gibt es kleinste Dateneinheiten? Die Zerlegung der Datencluster in Bits ist seit langem bereits möglich. Lassen sich hier kleinste Einheiten vermuten? Scheinbar ja, gilt der RGB-Beweis der dreiwertigen Logik der Grundbausteine der Information als zulässig, der durch jeden Datenbeamer hinreichend erbracht werden kann. Welches Verhältnis besteht zwischen Bit und Pixel?

Kommerzielle Aspekte
Die Schwerdatenforschung verfügt durchaus über eine Anwendungsrelevanz im kommerziellen Sektor. Der Hype ums Digitale, in erster Linie die Kommerzialisierung desselben, macht das Geschäft mit den Daten zu einer ernsten, man möchte sagen: schwerwiegenden Angelegenheit. Das Vorhandensein einer Datenindustrie, sowie deren exponentielles Wachstum, revolutioniert die Gesellschaft, formt sie um in eine Informations- und Kommunikationsgesellschaft. Und wäre es da nicht schön, etwas ganz Handfestes zu haben? Nicht nur diese irgendwie virtuellen Daten, deren elektronische Existenz vom Stecker in der Dose abhängt? Und mal ehrlich, die Daten und Informationen haben für uns doch etwas ganz Konkretes an sich. Da ist es nicht mehr weit - und vor allem wir hier in Deutschland neigen ja zu Objektivationen, Verbegrifflichungen und (geschaffenen) Tatsachenrationalitäten - sich die Daten irgendwie als Objekte, als Stoff aus dem die Konjunkturträume sind oder mit ähnlich materiellen Assoziationen vorzustellen. Fein wäre es auch, wenn man Daten beschleunigen könnte. Unvorstellbar die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Eventuell stößt man bei der Datenbeschleunigung, so ganz nebenbei, auf kleinste Dateneinheiten und damit auf superschwere Daten. Gelänge es dann, diese in Materie umzuwandeln, man könnte die Pizza online nicht nur bestellen, sondern sie sofort vom Monitor kratzen. Ein Informations-Materie-Wandler würde es möglich machen.



© Gabriele Gramelsberger, Berlin 2010